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Beispielhafte Entwicklung zweier Jungen, um die Besonderheiten in der Entwicklung von Menschen mit Autismus zu zeigen




Anton

hat Frühkindlichen Autismus

Theo

hat Asperger Autismus



Babyalter

Schon im Babyalter wird deutlich, dass Anton anders ist. Auf dem Arm windet und sträubt er sich heftig.
Er lehnt Körpernähe ab. Er nimmt keinen Blickkontakt auf und reagiert gar nicht auf seine Mutter.
Anton beginnt zu sprechen – aber bevor er die Sprache richtig einzusetzen lernt, stellt er das Sprechen komplett ein.
Die Eltern merken deutlich: hier ist ein Problem!

Theo macht sich steif in den Armen seiner Mutter, weil ihre Berührung schmerzhaft oder unklar ist.
Theo wirft sich auf den Boden, wenn ihm vertraute Kleiderstücke/ Möbel weggenommen werden.
Theo lernt sehr früh sprechen. Er entwickelt einen ungewöhnlich umfangreichen Wortschatz. Alle sind stolz auf ihn.

Kindergarten

Schon im Babyalter führten Antons Wahrnehmungs-Probleme zu seinen ungewöhnlichen Verhaltensweisen.
Während er als Baby viel geweint hat, entdeckt er bald bessere Möglichkeiten, um sich mehr Sicherheit zu verschaffen:
Wenn es ihm zu laut wird, hält er sich die Ohren zu und verdrängt den äußeren Lärm durch hohe, durchdringende Schreie.
Er kann stundenlang einen Deckel ganz geschickt drehen, er wedelt mit den Händen und schaukelt mit dem ganzen Körper.
Kommt ihm jemand zu nah, muss er sich schnell und wirksam Platz schaffen – er schiebt und schubst, kneift – jedes Mittel ist ihm recht um seine Sicherheit wieder zu erlangen.
Manchmal, wenn er aufgeregt ist, verliert er das Gefühl für seinen Körper. Er hat aber herausgefunden, wie er sich wieder spüren kann: ein kräftiger Biss in die Hand, ein beherzter Schlag auf die eigene Nase – Ja! Hier bin ich doch noch!
Das Wort „Schraube“ kann er 100 Mal wiederholen, Das hört sich „Wolkengut“ an.

Er beschäftigt sich mit vertrauten Dingen. Zum Beispiel mit Treckern. Da kennt er sich für sein Alter schon sehr gut aus!
Das gibt ihm Sicherheit.
Jetzt sammeln sich alle zum Morgenkreis. Dann bekommt er Angst. Was, wenn es laut wird? Er möchte nicht auffallen. Er läuft auf den Zehenspitzen. Außerdem: den Sinn sieht er nicht! Warum sollte er jetzt da sitzen? Obwohl da draußen eine Sandkiste mit den Sandkörnen auf ihn wartet. Versucht nicht zu kommen. Oder zu verweigern. Das gibt immer Ärger.
Wenn ein Kind weint, findet er das interessant: Wasser kommt aus den Augen. Er zeigt kein Mitgefühl.

Grundschule

Anton ist auf einer Förderschule Schwerpunkt geistige Entwicklung. Von ihm wird erwartet, dass er sich einer Aufgabe zuwendet.
Er soll den Tisch decken.
Menschen zählen, Teller zählen, hin- und hergehen ohne dabei von dem Auto vor dem Fenster abgelenkte zu werden.
Es kommt noch eine Person in den Raum. Bekommt der auch einen Teller? Soll ich für ihn mit decken. Oder geht der bald wieder? … und so weiter denkt Anton und verzettelt sich in der Planung. Natürlich kann er in der Zeit nicht weitermachen, ist doch klar!
Wenn er in die Gruppe kommt, wirft er einen Blick in die Räume und tönt laut „die Polizei ist blau“- wie zur Begrüßung.
Einzelne Sätze ständig wiederholend sitzt er am Tisch.“ Schalte auf vier! Die Polizei ist blau“ „Anton, Kannst du mir mal bitte die Butter geben?“ da hält er inne, guckt rüber, greift ohne zu zögern zur Butter und reicht sie rüber.
Damit es Anton gut geht, will er Sicherheit. Er mag keine Überraschungen, keine Veränderung, nichts Neues ausprobieren.
Und so verweigert er voller Angst den Fahrstuhl zu betreten, im Musikunterricht mitzumachen, an der Nachtwanderung teilzunehmen.
Er kreischt, kneift, schmeißt sich auf den Boden.

In Mathe kennt sich Theo sogar schon in der ersten Klasse im Zahlenraum 1000 aus. Theo versteht nicht, warum er sich mit viel kleineren Mengen beschäftigen soll.
Seit dem 3. Lebensjahr kann er lesen. Er hasst es anzumalen und auszuschneiden. Diese feinmotorischen Anforderungen sind für ihn mühsam – und er sieht auch den Sinn nicht.
In Deutsch haben sie offenen Unterricht. Theo verzettelt sich unter der Vielzahl von Aufgaben, weiß nicht wo er anfangen soll, schafft nur die Hälfte.
Irgendjemand klopft Theo an die Schulter „Was?“ murmelt er und schaut auf. „Einpacken!“, der Lehrer ist ärgerlich! Da hatte er Theo doch 5 mal freundlich gesagt, er solle jetzt die Aufgabe beenden. Alle haben schon eingepackt. Kann Theo nicht hören? Schon, Theo KANN. Allerdings war es im Raum nicht still, alle haben gekramt und gemurmelt. Theo hat die Geräusche ausgeblendet - alle, mitsamt Lehrer. Konzentriert betrachtet Theo das Gesicht. Augenbrauen - zusammen gezogen. Mund - zusammengepresste Lippen, Nase - auch nicht entspannt. Klarer Fall: der ist sauer! Nicht für Theo. Er lächelt ihn an und sagt: „Voice of Germany ist am Donnerstag und Tante Claudia kommt am Sonntag um 14.30 zu Besuch“…
Auf dem Weg nach Hause, steigt Theo immer eine Station früher aus. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Brücke den Bus aushalten wird“- da geht er lieber zu Fuß rüber.
Theos Leben ist geprägt von vielen kleinen Umständen, die er sich ausgedacht hat, um mit seinen Ängsten umzugehen und die Struktur zu schaffen. Am Abend ist er von den ganzen Eindrücken und seinen Mühen oft völlig erledigt und schläft spät ein.

Jugendalter, weiterführende Schule

„Ah, DAS fühlt sich gut an“ denkt Anton, als er sich voller Nervosität in die schon narbige und blutige Hand beißt. Hat er Schmerzen? Vielleicht….
Fühlt er denn weniger?
Anton trägt eine kurze Hose –komisch, und das im Winter! Das Gefühl von Stoff an den Beinen erträgt er nicht. Fühlt er also mehr? Auf jeden Fall anders…
Beim Frühstuck in der Klasse wedelt er mit einem Draht vor den Augen, „die Polizei ist blau. Schalte auf vier. Die Polizei ist (Pause) blau.“ Redet er vor sich hin.
Der Unterricht hat angefangen. „die Polizei ist blau. Schalte auf vier. die Polizei ist blau“ ruft Anton laut und läuft durch das Klassenzimmer. Immer und immer wieder wiederholt er diesen und einige andere Sätze. Schaut dabei in jeden Raum. Ob er „Hallo“ meint?
Anton steht vor dem Taxi. Geduldig ermutigt ihn die Taxifahrerin „komm, du machst das doch jeden Tag. Steig ruhig vorne ein“. Anton rührt sich nicht. Sie nimmt ihn beim Arm. Anton wird blass und tritt einen Schritt zurück. „Mensch, wir müssen doch auch los“ wirbt sie um Verständnis. „Versuch es rückwärts...“ und so weiter. Nach einiger Zeit kommt Antons Lehrerin dazu. Sie kennt ihn gut und kann ihm Sicherheit geben. Aber nicht heute. Heute ist ein schlechter Tag. Das Auto ist GEFÄHRLICH -am Steuer sitzt eine andere Fahrerin. da geht er AUF KEINEN FALL rein. Sein Taxifahrer-Axel ist krank. Und jetzt zieht auch noch jemand an seinem Arm. Blind vor Angst schlägt Anton um sich…
Inzwischen ist Anton fast erwachsen, voller Zuneigung klopft er anderen auf den Kopf, manchmal zu stark. Immer wieder instruiert er sich selbst „leise sein!“, gibt sich Mühe, mit anderen Jugendlichen klar zu kommen.
Doch in seiner Freizeit bleibt er dann gerne alleine und hört sein Hörspiel. Immer und immer wieder die gleiche Kindergeschichte.
Er liegt vor dem Fernseher am Boden und rollt sich lachend von einer auf die andere Seite. „ruhig sein“ ermahnt er sich. „ruhig sein.“ Ob ihm der Film gefällt?
Fremde sprechen mit ihm laut, deutlich und reduziert.
Wie eingesperrt wirkt Anton. In einen Körper, der wie selbstständig Bewegungen, Töne und Sätze produziert.
Mit entsprechender Unterstützung kann er kommunizieren und zeigen, dass sich hinter der rufenden und wälzenden Fassade ein junger Mann mit eigenständigen, differenzierten Gedanken befindet. Dass er sich freut, alle wieder zu treffen. Dass ihm der Film gar nicht gefallen hat, weil das Leben gar nicht so ist und die Behinderte in dem Film viel zu niedlich war – so ist das Leben doch gar nicht.

Theo besucht ein Gymnasium.
In der Mittagspause sitzt Theo mit gleichaltrigen an einem Tisch. Bald bringt er die Unterhaltung auf sein Lieblingsthema, Trecker. Zu Beginn sind die anderen noch höflich interessiert, sie wissen, dass Theo sich für Trecker interessiert, er erzählt viel davon. Ein Mitschüler reckt sich, gähnt, rollt die Augen. „Theo, ist gut, wir sind informiert!“ Versucht Carlos ihn zu bremsen. Diese Hinweise erreichen Theo nicht, munter erzählt er weiter… Während des Unterrichts schreibt Carlos dann heimlich Zettel mit Theos Nachbarn. Theo muss diese Zettel immer weitergeben – doch DAS will er nicht! Und es ist ja auch nicht erlaubt! Kurzerhand nimmt er die Zettel, trägt sich nach vorne und legt sie dem Lehrer auf den Tisch. „Spinnst du?“ Regt Carlos sich auf! Auf DIESEN Freund kann Carlos verzichten!
Auf dem Rückweg steht Theo mit einer fremden Frau an der Bushaltestelle. Freundlich rutscht sie, so dass er neben ihr sitzen kann. Dies reicht Theo als Aufforderung, sich zu unterhalten. „Carlos ist so gemein zu mir“ berichtet er vertraulich und ohne zu berücksichtigen, dass die Frau gar nicht wissen kann, wer Carlos ist „ich musste ja die Zettel abgeben“… Die Frau windet sich unwohl: sie kennt den Jungen doch gar nicht… und außerdem: „welche Zettel?“
Während sich andere Jugendliche zum Radfahren, Computerspielen, Partys verabreden, bleibt er zu Hause und sortiert die Magazine über Trecker.
Immer mehr wird Theo zum Außenseiter.
Mobbing: Theo Freundschaftsclub
Schon zwei Monate vor der Klassenfahrt hat Theo Bauchschmerzen und mag nicht zur Schule gehen. Es ist schrecklich, unvorstellbar. Er will aber kann nicht mit!
Seine Lehrerin hilft ihm mit allerlei Kompromissen diese Klassenfahrt zu überbrücken. Keiner will mit ihm in einem Zimmer schlafen.

Pubertät

Umgehen mit Gefühlen und Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, Pubertät ist eine Zeit mit besonders vielen Veränderungen.
Antons Wutanfälle häufen sich. Er ist inzwischen auch sehr groß und stark. Die Eltern fragen sich, wie sie mit ihm fertig werden sollen. Vielleicht ist ein Internat für ihn geeigneter?

Theos Klassenkameraden schwimmen so wie er selbst in Hormonen. Freundschaften verändern sich, werden auf eine neue Basis gestellt. Es wird diskutiert und problematisiert. Es fällt Theo schwer, eine eigene Haltung einzunehmen und zu vertreten.
Pubertät + Wie kann Theo Kontakt zu Mascha aufnehmen, die er so toll findet.
Jetzt kann keine Lehrerin mehr helfen. Erwachsene haben in dieser Welt nichts zu suchen.

Leben als Erwachsene

Anton erwartet ein Leben mit Unterstützung, weiterem Training der Kommunikation und der sozialen Beziehungen.
Anton wohnt in einer Gruppe mit anderen Menschen mit Autismus. Er wird mit einem Bus abgeholt und wieder in die Wohngruppe gebracht. Er arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
Er ist von der Betreuung anderer Menschen abhängig.
Aber er kann manchmal mitteilen, was ihm nicht passt und wie er sich fühlt.
Wir wünschen ihm für seinen Lebensweg Menschen, die sich nicht von äußeren Verhaltensweisen über sein Inneres täuschen lassen.

Theo wird bestimmt einen Schulabschluss schaffen. Dann, endlich, ist er frei – denkt er – und darf endlich das lernen, was ihn interessiert.
Voller Enthusiasmus beginnt er ein Studium. In den Fächern, die ihn interessieren ist er überragend.
Vielleicht kann er später in diesem Feld einen Beruf ergreifen.
Erwachsene Autisten stoßen aber auch dann oft an ihre Grenzen: im komplizierten Beziehungsgefüge von Vorgesetzter sein, Erwartungen haben dürfen, ohne andere zu unterwerfen oder zu demütigen, Untergeben zu sein und doch eigene Interessen zu haben, aber nur wenn es angebracht ist.
Ständige Verunsicherung, oft auch kein Partner oder keine tiefe Freundschaft.
Theo hat sein Studium abgeschlossen (gut, er hat lange gebraucht, aber auch wirklich intensiv gelernt). Bei den vorgeschriebenen Praktika konnte er Betriebe kennenlernen, jetzt hofft er dort auf einen Arbeitsvertrag.
Als er genommen wird, ist er eigentlich glücklich. Doch so GANZ zufrieden ist er nicht. Diese oder jene wirklich blödsinnige Aufgabe ist er nicht bereit zu erledigen. Die Sekretärin fragt ihn, ob er Kaffee kochen könnte. Sie muss noch ganz schnell die Post wegschicken, bevor der Chef kommt. „Nein diese oder jene wirklich blödsinnige Aufgabe ist er nicht bereit zu erledigen“ ist seine Antwort. Das ist nicht meine Aufgabe. Dem Chef erzählt er später, dass Laura (Sekretärin) die Post nicht rechtzeitig abschickt hat und noch zu spät gekommen ist. Immer wieder tappt er in Situationen, in denen er unhöflich ist, ohne es gewollt zu haben, ohne es zu merken. Nach einiger Zeit erhält er die Kündigung.
Er ist am Boden zerstört: es gibt doch in der Firma kaum jemanden, der so viel Ahnung hat wie er…
Auch Theo wird Unterstützung brauchen – jemanden, der ihm erklärt, warum die Kollegen so ablehnend reagieren und - der den Kollegen erklärt, warum Theo so merkwürdig und unhöflich ist.